Emilie Scotzniovsky: Der vergrabene Schatz in den Ruinen von Lichtenstein

Dezember 1842.

  Im Schwarzwalde, da ist ein Dörfchen,
Leinstetten, ist wenig bekannt,
Es liegt dabei eine Ruine,
Burg Lichtenstein wird sie genannt.

  Im Jahr fünfzehnhundert und zwanzig,
Empörten der Bauern sich viel,
Sie sengten und brennten und trieben
Mit Schwert und mit Feuer ihr Spiel.

  Sie zogen von Burgen zu Burgen,
Ermordeten Ritter und Frau’n,
Bewaffnet mit Dreschflegel, Spießen,
Der Gräuel war schrecklich zu schau’n.

  Auf Lichtenstein lebte ein Ritter,
Der hatte ein Töchterlein hold,
Er sprach zu ihr „laß uns verbergen
Mein Töchterlein, all’ unser Gold.

  Die Bauern, sie kommen und rauben,
O laß uns vergraben den Schatz,
Im Keller tief unter der Erde,
Da ist wohl der sicherste Platz.

  „Mein Töchterlein, sollte ich sterben,
Dein Brautschatz soll dieses dann seyn.“
So sprach er und senkt in die Erde,
Gefüllet die Kiste hinein.

  Die Bauern, sie kamen, zerstörten
Burg Lichtenstein bis auf den Grund,
Ermordeten Vater und Tochter,
So macht es die Sage uns kund.

  Die Mauern der Burg sehen traurig
Hernieder in’s Leinstetter Thal,
Am Fuße des Thurms ist ein Plätzchen,
Da wächst nichts, das bleibet so kahl.

  Und kommt die Nacht, sieht man zwei Lichtlein
An diesem so schauerlichen Platz,
Die Geister sind’s, Vater und Tochter,
Sie hüten noch immer den Schatz.



Die Ballade vom Schatz in den Ruinen von Lichtenstein erschien 1845 in den „Gedichten“ von Emilie Scotzniovsky (1815–1856). Die Dichterin stammte ursprünglich aus Glatt in der Nähe von Sulz am Neckar, wo sie als Tochter des hohenzollerischen Oberamtmanns Franz Jakob Mattes zur Welt kam. 1840 heiratete sie in Baden-Baden den Druckereibesitzer und Verleger Georg Scotzniovsky. Nach dessen Tod im Jahr 1845 führte sie die Geschäfte in Eigenregie fort. Ihr dichterisches Werk umfasst unter anderem zahlreiche Sagenballaden aus ihrer Heimat im Raum Glatt und vor allem aus der Umgebung von Baden-Baden. Einzelne davon wurden 1846 in August Schnezlers „Badischem Sagen-Buch“ abgedruckt.

Schauplatz der hier vorgestellten Ballade ist die Burg Lichtenfels bei Dornhan-Leinstetten, einem Nachbardorf von Emilie Scotzniovskys Geburtsort. Der Name „Lichtenstein“ ist für die Burg nicht üblich, möglicherweise hat sich die Verfasserin in der räumlichen und zeitlichen Distanz des Namens falsch erinnert. Der Ballade fügte sie in ihrem Gedichtband noch eine weitere Sage in Prosaform hinzu:

„Ein späterer Nachkömmling der Ritter von Lichtenstein, Herr v. Buobenhofen, ließ auf diese Sage hin durch zwei Bürger von Leinstetten, denen er einen seiner Bedienten oder Jäger als Aufseher beigab, in dem verschollenen Kellergewölbe nachgraben. Nach langem vergeblichem Suchen geriethen sie endlich auf einen Gegenstand, einem alten Baumstamme ähnlich, von woher ihnen beim Aufklopfen mit den eisernen Bückeln ein dumpfer hohler Ton entgegen klang. Sie vermutheten wirklich auf das gestoßen zu seyn, was sie zu erheben beauftragt waren; jedoch nicht Willens, dieses ihrem Herrn einzuhändigen, warfen sie unwillig ihre Instrumente weg, stellten, unter Vorgabe, daß ihr Suchen vergeblich sey, das weitere Nachgraben ein, und verfügten sich mit ihrem getäuschten Aufseher in ein Wirtshaus, zechten miteinander, und machten solchen betrunken, so daß er nicht im Stande war, seinem Herrn über den Vorgang eine Relation zu erstatten. Noch in der selben Nacht verfügten sich diese beiden Bürger auf das alte Schloß, räumten den Schutt von dem hohlklingenden Gegenstande gar ab, und geriethen auf eine aus einem Eichenstamme unförmlich gezimmerte und mit Eisen beschlagene Kiste. Sie enthoben solche, trugen sie nach Hause und fanden nach deren Eröffnung viel Gold und anderes silbernes Geräthe. Um nicht verrathen zu werden, verkauften sie in Leinstetten ihr bürgerliches Anwesen und zogen mit ihren Familien nach Polen. Kurze Zeit darauf wurde dem Ritter von Buobenhofen, ohne Ort- und Zeitangabe, ein schöner silberner Becher mit dem Inhalte zugesendet, daß auch er an dem in dem Schlosse zu Lichtenstein gefundenen Schatz seinen Antheil haben soll. Über die weiteren Schicksale dieser Auswanderer weiß die Sage nichts weiter zu erzählen.“

Keine der beiden Sagen ist an anderer Stelle in der Literatur belegt. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Autorin sie aus ihrer Jugend in Glatt und Umgebung kannte, zumal ihr Vater zeitweise Besitzer des Ritterguts Leinstetten war. Insbesondere bei der Bauernkriegssage ist jedoch auch denkbar, dass es sich um eine dichterische Erfindung handelt.

Mit der historischen Realität hat sie so der so nur wenig gemein, denn die Burg Lichtenfels war bereits seit dem 15. Jahrhundert eine Ruine und kann folglich nicht im Bauernkrieg zerstört worden sein.

Ausführliche Erläuterungen

Jiří Hönes – Emilie Scotzniovsky: Der vergrabene Schatz in den Ruinen von Lichtenstein (2013, überarbeitete Fassung 2017)
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Zur Autorin

Jiří Hönes – Emilie Scotzniovsky – Dichterin und Verlegerin in Baden-Baden (2013, überarbeitete Fassung 2017)
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Der vergrabene Schatz in den Ruinen von Lichtenstein
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Links

Wikipedia: Emilie Scotzniovsky

Wikisource: Emilie Scotzniovsky. Quellen und Volltexte

Quelle

Emilie Scotzniovsky geb. Mattes: Gedichte.
Buchdruckerei der Verfasserin.
Baden 1845.
S. 14–16.


Ein ausführlicher Beitrag zu Emilie Scotzniovsky und ihren Balladen „Der vergrabene Schatz in den Ruinen von Lichtenstein“ und „Ritter von Neunegg“ ist 2016 in den „Heimatkundlichen Blättern Zollernalb“ erschienen.

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